Wer an ein überfordertes Kind denkt, hat häufig ein eindeutiges Bild vor Augen: Es wird unruhig, verweigert Aufgaben, steht auf oder stört den Unterricht. Ein solches Verhalten fällt auf und führt beinahe automatisch dazu, dass Erwachsene genauer hinsehen. Schwieriger ist es bei Kindern, die auf Überforderung genau entgegengesetzt reagieren: Sie bleiben still, melden sich kaum und versuchen, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Manche fragen nicht nach, obwohl sie etwas nicht verstanden haben, andere machen scheinbar mit, obwohl sie dem Unterricht kaum noch folgen können. Auch Bauchweh, starke Unsicherheit oder dauerhafte Anspannung können hinzukommen. Weil diese Kinder jedoch nicht stören und nach außen häufig angepasst wirken, bleibt ihre Belastung leichter unbemerkt. „Ein Kind muss nicht laut werden, damit Druck, Angst oder Überforderung ernst genommen werden. Gerade Kinder, die still mitlaufen und möglichst wenig auffallen wollen, brauchen manchmal einen besonders aufmerksamen Blick“, erklärt Marco Schnabl, Gründer und Entwickler des body’n brain®-Konzepts.
„Wenn ein Kind innerlich unter Druck steht, bringt es wenig, einfach noch mehr Leistung einzufordern. Wir müssen zunächst einen Zustand schaffen, in dem es sich sicher genug fühlt, um überhaupt wieder mitzumachen“, so Marco Schnabl weiter. Genau an diesem Punkt setzt der Entwickler des body’n brain®-Konzepts an. Über spielerische Bewegung, Wahrnehmung, Koordination und einfache Denkimpulse sollen Kinder neue Erfahrungen sammeln können, ohne dass Leistung und Bewertung unmittelbar im Vordergrund stehen. Schnabl folgt dabei dem Grundsatz „Spaß statt Leistungsdruck“: Kinder dürfen ausprobieren, wiederholen und auch Fehler machen, ohne eine Übung perfekt beherrschen oder sich vor anderen beweisen zu müssen. Gerade stille Kinder können dadurch mitmachen, ohne unmittelbar im Mittelpunkt zu stehen. Wie Eltern, Lehrer und Pädagogen stille Überforderung erkennen und Kinder behutsam wieder zum Mitmachen ermutigen können, zeigt Marco Schnabl im Folgenden.
Ruhe ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass alles stimmt
Nicht jedes ruhige oder zurückhaltende Kind braucht Unterstützung. Manche Kinder beobachten lieber, sprechen weniger oder brauchen länger, um sich in einer Gruppe zu öffnen. Entscheidend ist deshalb nicht die Ruhe an sich, sondern ob sich bestimmte Verhaltensweisen dauerhaft zeigen oder verstärken. Zieht sich ein Kind zunehmend zurück, beteiligt es sich immer weniger, wirkt häufig angespannt oder treten regelmäßig Beschwerden wie Bauchweh vor der Schule auf, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Auch ständiges Angepasstsein kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Kind versucht, möglichst wenig aufzufallen.
Besonders relevant wird das, wenn die Unsicherheit das Lernen und die Beteiligung beeinflusst. Ein Kind kann Aufgaben äußerlich bearbeiten und trotzdem Schwierigkeiten haben, den Stoff aufzunehmen. Aus Angst vor Fehlern fragt es womöglich nicht nach, meldet sich nicht oder vermeidet Situationen, in denen seine Unsicherheit sichtbar werden könnte. „Verhalten ist für mich kein endgültiges Urteil über ein Kind, sondern zunächst ein Hinweis darauf, wie erreichbar es gerade ist“, erklärt Marco Schnabl.
Nicht mehr Druck, sondern genaueres Hinsehen
Eltern, Lehrer und Pädagogen müssen stille Kinder weder pauschal problematisieren noch jedes zurückhaltende Verhalten als Warnsignal verstehen. Entscheidend ist vielmehr, Veränderungen über einen längeren Zeitraum wahrzunehmen und zu beobachten, ob sich ein Kind zunehmend aus dem Unterricht oder aus gemeinsamen Situationen zurückzieht. Statt einzelne Verhaltensweisen vorschnell zu bewerten, lohnt sich die Frage, ob das Kind noch erreichbar ist, sich etwas zutraut und bereit ist, sich auf neue Aufgaben einzulassen. Gerade weil stille Überforderung weniger unmittelbar sichtbar wird, braucht es dafür einen bewussteren Blick der Erwachsenen.
Zeigt sich, dass ein Kind innerlich bereits zugemacht hat, helfen zusätzliche Aufgaben, Erklärungen oder Leistungsanforderungen jedoch nicht zwangsläufig weiter. Weiterer Druck kann die bestehende Blockade vielmehr verstärken. Marco Schnabl veranschaulicht das mit dem Bild eines Staus: Werden immer mehr Informationen auf eine bereits überlastete „Autobahn“ geschickt, kommen sie nicht dort an, wo sie gebraucht werden. Statt deshalb unmittelbar beim Schulstoff anzusetzen, kann es sinnvoll sein, zunächst wieder Sicherheit, Zutrauen und Bereitschaft zum Mitmachen zu fördern. „Für mich gilt deshalb: erst der Zustand, dann der Stoff. Ein Kind muss innerlich überhaupt erreichbar sein, bevor wir erwarten können, dass es neue Inhalte aufnimmt“, erklärt Marco Schnabl.
Wie Bewegung den Leistungsdruck aus dem Lernen nehmen kann
Genau an diesem Punkt setzt Neuro-Fitness an. Bei body’n brain® verbinden wir Bewegung, Koordination, Wahrnehmung und einfache Denkimpulse miteinander – nicht als zusätzlichen Schulstoff, sondern als spielerischen Zugang, bei dem Gehirn, Körper und Nervensystem zusammenspielen. Aufgaben mit Farben, Zahlen, Begriffen oder visuellen Reizen schaffen dabei bewusst eine andere Situation als klassische Lern- oder Prüfungssituationen. Statt eine richtige Antwort liefern oder eine Übung auf Anhieb beherrschen zu müssen, dürfen Kinder ausprobieren, wiederholen, Fehler machen und neu beginnen. „Spaß statt Leistungsdruck bedeutet für mich, dass nicht Perfektion zählt, sondern zunächst der Versuch und das aktive Mitmachen“, erklärt Marco Schnabl.
Gerade stillen Kindern eröffnet dieser Ansatz eine Möglichkeit, sich zu beteiligen, ohne sofort im Mittelpunkt zu stehen. Sie müssen weder vor der Klasse sprechen noch erklären, warum ihnen etwas schwerfällt, sondern können zunächst über Bewegung und Spiel eigene Erfahrungen sammeln. Kleine Erfolgserlebnisse können dabei dazu beitragen, wieder mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und sich schrittweise stärker auf neue Situationen einzulassen. body’n brain® versteht Marco Schnabl dabei ausdrücklich als unterstützenden Ansatz, der neue Impulse setzen kann, nicht als pauschales Wirk- oder Heilversprechen.
Wenn aus Unsicherheit wieder Zutrauen werden kann
Fortschritt zeigt sich bei stillen Kindern nicht unbedingt darin, dass sie plötzlich besonders laut, selbstbewusst oder leistungsstark auftreten. Oft sind es zunächst kleinere Veränderungen: Ein Kind stellt wieder eine Frage, probiert etwas aus, beteiligt sich freiwillig oder traut sich, einen Fehler zu machen. Für Eltern, Lehrer und Pädagogen kommt es deshalb darauf an, solche Entwicklungen ebenso wahrzunehmen wie offensichtliche Schwierigkeiten. Ziel sollte nicht sein, aus einem ruhigen Kind ein lautes zu machen, sondern ihm einen Rahmen zu geben, in dem es sich auf seine eigene Weise wieder stärker beteiligen kann.
Damit verändert sich auch der Blick auf stille Kinder insgesamt. Ruhe und Zurückhaltung müssen weder problematisiert noch vorschnell mit Entspannung gleichgesetzt werden. Entscheidend ist, wahrzunehmen, wenn ein Kind dauerhaft versucht, möglichst unsichtbar zu bleiben, und ihm dann Unterstützung anzubieten, ohne es unmittelbar mit einem Problem oder einer Diagnose zu versehen. „Kinder müssen nicht erst repariert oder mit einem Etikett versehen werden. Entscheidend ist, ihnen wieder Zugang zu Sicherheit, Freude und Mitmachen zu ermöglichen“, fasst Marco Schnabl seinen Ansatz zusammen.